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Ein Tag im Montessori-Kinderhaus - aus der Sicht eines Kindes
Artikel erschienen in der Montessorizeitschrift der Montessori-Vereinigung
Aachen Ausgabe Juni 2011. Autorin: Renate Hipp
Kinderhausleiterin im Montessori-Kinderhaus Konstanz
Im Alltag haben Kinder heute meistens einen organisierten Ablauf von
geplanten Aktivitäten. Beide Eltern berufstätig, frühes Aufstehen, Fahrten
zur Kindertageseinrichtung verschiedenster Ausprägungen und täglicher Dauer,
Mittagessen in der Einrichtung, Abholen durch die Eltern und anschließend
„Freizeitstress“. Ballett, Schwimmen, frühmusikalische Erziehung, Fußball,
Hockey, Erlernen eines Instrumentes, Kreativität im Malstudio.
Am Abend
erschöpfte Eltern die den Haushalt mit kochen, waschen, bügeln auf die Reihe
bringen müssen und die selber auch noch eigenen Bedürfnissen Raum geben
möchten. Auf die freien Tage, wie z.B. die Wochenenden, werden Ausflüge,
Besuche Erledigungen für die Familie gelegt.
Die verschiedensten
Familienkonstruktionen, alleinerziehende Väter oder Mütter, Patchworkfamilien,
Wochenendfamilien und weitere Familienmodelle kommen hinzu. Derart geprägte
Kinder und Eltern erleben wir in unseren Kindertageseinrichtungen
häufig.
Verstehen und nachvollziehen kann ich die Bedürfnisse der
Eltern. Man hat lange studiert um nun den Beruf ausüben zu können, es ist ein
Glück eine Arbeitsstelle zu haben, das Leben ist teuer, die Notwendigkeiten und
Bedürfnisse des individuellen Lebens sind da, es gibt keine andere
Möglichkeiten den Alltag zu gestalten. Die Verwandtschaft wohnt weit weg, Hilfe
durch Omas und Opas sind selten möglich. Es ist alles machbar und ist nur
eine Frage der Organisation.
Trotzdem oder gerade deshalb frage ich mich,
wo bleibt die Zeit für die Seele? Wo sind die Nischen für Ruhe und Leerlauf,
wo spüren wir uns selber und wie oft sind wir glücklich und zufrieden? Wir
sind erwachsen und werden irgendwie fertig, manchmal sind wir erschöpft und
fühlen uns ausgebrannt, aber es geht immer irgendwie weiter. Was aber erleben
unsere Kinder, die in diesen Ablauf integriert werden und funktionieren
sollen? Wo ist Platz für den Selbstaufbau der Persönlichkeit, so wie
Montessori es genannt hat? Wann kann das Kind seinen sensiblen Phasen nachgeben,
wie kann es dann optimal wachsen und sich seinem Bauplan nach
entwickeln?
Ich habe das große Glück in unserem Kinderhaus in den
verschiedenen Gruppen, der Krippe, der verlängerter Vormittagsgruppe oder in
den Ganztagesgruppen unsere Kinder zu besuchen, darf mit ihnen
arbeiten und auch nur auf dem Stühlchen sitzen wie ein Tarnkappenmännchen,
und den Aktivitäten zuschauen. Auch nach 20 Jahren als Leiterin des
Kinderhauses bin ich immer wieder angerührt und begeistert von der Hingabe mit
der die Kinder hier arbeiten, spüre wie tief die Freude und das Glück
sind, wenn in Ruhe etwas fertig gemacht werden kann. Sensible Phase, Freie
Wahl der Arbeit, Freie Platzwahl, Regeln zum Schutz und zur Sicherheit, Hilfe
holen können und alleine ausprobieren, Fehlerkontrolle und Lösung.
Immer
wieder spüre und denke ich es ist etwas „ Heiliges“ zu sehen, und es fällt mir
kein anderer adäquater Ausdruck dazu ein. Zutiefst bin ich davon überzeugt, dass
gerade wegen dieser Wahrnehmung die Montessoriarbeit im Kinderhaus heute auch
nach mehr als 100 Jahren seit der Gründung des ersten Kinderhaus in Rom so
notwendig und aktuell ist wie nie. Hier kann Raum sein für die Entfaltung der
Kinder, für intensives ruhiges Erfahren und Lernen. Damit dem Selbstaufbau
der Persönlichkeit die Möglichkeit gegeben wird und die Seele wachsen
kann.
Ein Kinderhausvormittag von Dominik geb.
21.03.2007
Meine Mutter hat meine Schwester und mich mit dem
Fahrrad hergefahren, wir sitzen im Anhänger und zuerst bringen wir immer meine
Schwester in die Krippe, unten im Kinderhaus. Ich bin ja schon groß, deshalb
gehe ich im Kindergarten oben in die Gruppe.
Gegen 9.00 Uhr komme ich in
den Gruppenraum. Es sind schon viele Kinder da, meine Freunde Jan und Matti
sitzen am Zweiertisch und sind vergnügt miteinander. Sie würfeln und schreiben
Zahlen auf.
Der Vespertisch ist besetzt, zwei Mädchen malen und Henrik
und Levin spielen in der Puppenecke. Meine Erzieherin sitzt am Boden bei
Noah, der bis 1000 zählt. Herr Schneider, mein Erzieher, zeigt Antonia
Buchstaben und ich höre wie er immer „AAAAAAAAA“ sagt, A wie Ameise, da schau
ich doch einmal zu, dann höre ich „SSSSSSSSSS“ wie Susi und Antonia sagt: „wie
Sahne und sauer“. Ich gehe zu meinen Freunden Jan und Matti, aber die wollen
mich gar nicht. An einem Tisch mit Leslie, Anne und India gehe ich vorbei
und beobachte, wie schön Leslie mit den Holzstiften malt. Anne hat dicke
Wachsmalstifte, India klebt etwas zusammen. Leslie lacht mich an und ich finde
ihr Bild schön. Aber malen will ich nicht, es ist noch ein Platz bei den Mädchen
frei. Ich will es doch lieber noch mal bei meinen Freunden versuchen. Die
arbeiten zusammen und erzählen sich etwas, außerdem ist dort kein Platz mehr
frei.
Dann knacke ich eben Nüsse, darauf habe ich Lust und wenn ich viele
habe, nehme ich sie für meinen Papa mit nach Hause. Zuerst hole ich mir die
Stoffunterlage für den Tisch, dazu muss ich durch den Raum gehen bis zur
Eingangstür, auf dem Boden, unterwegs, sitzt Herr Schneider auf dem Teppich und
arbeitet mit Carlo. Sie haben die Schleichtiere aufgestellt und suchen die
Länder in denen die Tiere wohnen, der Tiger in Afrika, der Elefant auch und die
Eisbären am Nordpol gerne würde ich den Pinguin mal schnell in die Hand nehmen,
aber ich darf nicht stören. Nun brauche ich noch die Schale mit den Nüssen,
die leere Schale für die geknackten Nüsse und noch die Abfallschale. Auch den
Nussknacker muss ich noch holen. Ganz schön viele Wege muss ich
machen. Jetzt geht’s aber los, allein sitze ich am Tisch und knacke eine
große Nuss. Feste muss ich drücken, jetzt knackt und springt die Schale. Mit den
Fingern pule ich alles heraus, mmhh lecker, die großen Stücke lege ich in die
Schale, die Nussschale in die andere, das Zerbröselte stecke ich in meinen Mund.
Das macht Spaß. Ich kann alleine alles machen, wie ich es will. Die nächste
Nuss geht nicht kaputt, ich bin nicht stark genug. Aber meine Freunde sind es
sicher, ich gehe zu Jan und frage ihn, „Hilfst du mir“? Er sagt, „ja gerne“ und
er drückt zu und lacht mich an. Die nächste Nuss geht wieder
leichter und wenn eine nicht geht, frage ich Jan oder auch Matti. Heute will
ich noch viele Nüsse knacken, so viele ich darf. Ich muss sogar die Schale
nochmals auffüllen, dazu gehe ich zum Vorratswagen und zähle 5 Stück ab. Die
Krümel auf der Unterlage sind aber viele, ich fege sie mit der Hand mal unter
die Unterlage und drücke alles platt, das sieht schön aus. Jetzt reicht es
aber, ich bin satt, meine Hände tun ein bisschen weh und für den Papa reicht es
auch. Puh, jetzt noch aufräumen… Alles wieder einzeln zurücktragen, die
Glasschälchen muss ich an der Kinderspüle abwaschen und abtrocknen. Dabei merke
ich, dass ich schnell einmal Pipi muss, zuerst Hände abtrocknen,
dann gehe ich erst einmal auf unsere Toilette.
Das Kinderklo gehört
nur zu unserer Gruppe, es ist wunderbar so allein auf der kleinen Toilette, noch
meine Hände waschen mit der Seife und dann gehe ich wieder zurück in meinen
Raum.
Es macht soviel Spaß und ich bin zufrieden mit meiner Nussausbeute,
da hüpfe ich einmal ein paar Schritte, aber leise, sonst störe ich die
anderen. Jetzt kommen die geknackten Nüsse in die Papiertüte und dann
in mein Fach, ich nehme sie dann heute wenn die Mama kommt mit nach
Hause. Die Unterlage zusammenfalten und wieder auf das
Vorratswägelchen. Ach, da sieht es aber schmutzig aus an meinem Platz und
krümelig auf dem Tisch. Ich hole das Tischfegeset, Besen und Schaufel und
fege alles auf dem Tisch zusammen, den Abfall kippe ich in den Bioeimer. Aber
auf dem Boden ist auch alles voll. Dazu muss ich das Bodenfegeset holen und
alles auffegen, das kommt dann auch in den Biomülleimer.
Jetzt schau ich
mal was Herr Schneider macht. Er fragt mich, „Dominik wollen wir was zusammen
machen?“ Gerne arbeite ich mit Herrn Schneider, er ist immer so freundlich und
weiß auch jedes mal etwas Neues. Ich muss einen Teppich holen,
ausrollen und dann zeigt er mir im Regal einen Korb mit den blauen Körpern
drin. Damit hat Julian gestern auch gearbeitet. Herr Schneider setzt sich
neben mich und holt eine Kugel aus dem Korb, er sagt „Dominik, jetzt mache
ich die Augen zu“. Ich passe auf ob er auch nicht schummelt. Herr Schneider
befühlt ganz langsam die Kugel, er rollt sie in der Hand, alle Finger
umschließen die Kugel und dann legt er sie auf den Teppich, jetzt erst öffnet er
die Augen. Ich darf auch einmal, schön fühlt sich die Kugel an, glatt und kühl,
meine Augen sind fest zu. Nacheinander fühlen wir einen Würfel, eine Walze,
ein Ei, eine Pyramide und noch mehr ulkige Formen mit lustigen Namen. Herr
Schneider macht immer die Augen zu, ich passe gut auf und dann mache ich es ganz
genauso. Vorsichtig werden die Körper auf den Teppich gelegt, wunderschön
sehen sie aus, ganz schön glänzend blau. Wir probieren aus was rollt oder kippt,
es gibt auch Körper die rollen und kippen. Herr Schneider sagt, ich darf noch
etwas alleine damit machen, also baue ich ein Haus, eine Kirche und lege
einen Kreis. Beim Aufräumen weiß ich nicht mehr genau wo der Korb
stand, aber Herr Schneider bemerkt es und zeigt es mir. Alles ist wieder im
Regal, nun noch den Teppich zusammenrollen und in den Ständer stecken,
ganz schön schwer ist der Teppich.
Die Übung mit der Farbpipette ist
frei, schnell hole ich die Plastikunterlage, trage die drei Farbgläser
nacheinander an den Platz hinten im Raum - ein weiter Weg. Ich muss aufpassen,
dass ich nichts verschütte, sonst muss ich noch putzen. Auf das Filterpapier
tropfe ich ein buntes Muster, zum Trocknen kommt das Papier auf eine
Papierunterlage, die wir dann immer auf einen leeren Platz am Fenster
legen.
Oh, die anderen Kinder stellen schon den Stuhlkreis auf, leise
tragen sie ihre Stühle zusammen, ich muss schnell aufräumen. Nacheinander kommt
wieder alles aufs Tablett im Regal, noch die Unterlage abputzen und meinen Stuhl
vorsichtig in den Kreis stellen. Neben Franziska und Madita setzte ich mich hin
und auf der anderen Seit sitzen Jan und Matti und lachen mich an. Mal
schauen, was Frau Friesen heute mit uns vorhat. Carlo macht noch bisschen
Blödsinn und Frau Friesen meint; „ Carlo jetzt sind aber alle einmal leise und
hören zu“. Gerade wollte ich Franziska noch zuflüstern dass meine Schwester auch
so eine Haarspange hat wie sie. Das geht jetzt aber nicht mehr, wir sind alle
still. Frau Friesen zeigt ein Fingerspiel und wir sprechen es alle nach, die
Finger werden hochgehoben und es ist lustig. Dann machen wir das Spiel
„Schuhsalat“, Liam darf raten, Anne und Maya auch. Ich habe mich auch
gemeldet komme aber nicht dran. Wir singen unser Kinderhauslied, das mag
ich gerne, besonders das Wort Zylinder. Am Ende dürfen zuerst alle aus dem
Kreis herausgehen die heute eine rote Farbe tragen, ich habe rote Socken
an.
Heute darf Quentin den Tisch mit Frau Friesen decken, vielleicht darf
ich morgen helfen?
In der Garderobe ist es eng, lieber trage ich meine Kleidung in den Flur an
das Fenster und ziehe mich dort an, „die Matschhose nicht vergessen“, sagt Frau
Hempen, und „wer fertig ist kommt schon runter zur Eingangstür“. Auf der
Treppe muss ich mich am Geländer festhalten und vor der großen Glastüre stelle
ich mich in die Reihe hinter Antonia und Levin. Wenn Herr Schneider sich
angezogen hat geht’s in den Garten, ich freu mich auf die Rutsche.
Unser
Zeichen zum Mittagessen und dem Zurückgehen ins Haus wird von Frau Hempen
hochgehalten, der grüne Punkt. Alle stellen sich wieder vor der Haustüre auf,
jetzt bin ich ganz hinten, denn ich wollte noch klettern und war der letzte. Wir
gehen leise ins Haus, die Krippenkinder schlafen doch schon. Ausziehen, da
hilft mir Frau Friesen bei der Matschhose, dann Händewaschen, gerne trödele ich
ein bisschen, die Seife ist so schön glitschig.
Alle sitzen bereits am
Tisch und ich setze mich schnell an meinen Platz. Nach dem Tischspruch
erklärt Herr Schneider, dass es heute Spagetti und Pilzsoße gibt, ich mag aber
keine Pilze. Probieren muss ich. Es schmeckt doch ganz gut und Julian ißt
schon den zweiten Teller leer. Zum Nachtisch gibt es Kiwi, die mag ich
sehr. Nacheinander räumen alle Kinder ab. Das Besteck in die richtigen Fächer
des Korbes stecken, die Teller leeren, das Wasserglas aufs Tablett stellen. Die
Zähne putzen gehen, Hände und Mund waschen, anschließend dann auf der Empore
einen gemütlichen Platz suchen.
Herr Schneider liest uns die Geschichten
von Frieder und der Oma vor. Spannend ist es. Die Ruhephase ist schnell
vorbei und ich sehe im Flur schon den Papa, der mich heute ausnahmsweise
abholt. Gleich kann ich ihm die Nüsse schenken und morgen spiel ich mit Jan
auf dem Bauteppich.
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